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Teleskop
November 27, 2024
Weltansichten und Normen

Expertenblick versus kindliche Sicht

Teleskop

Das Teleskop

Gestern genoss ich die warmen Sonnenstrahlen auf unserer leicht erhöhten Terrasse mit Blick auf unseren Fluss Töss. Gebietsfremde bezeichnen ihn zwar als «Bach», was mich immer wieder kränkt.  Aber als Eingeborener weiss ich, dass das heute so ruhig dahin plätschernde Wasser zu einem reissenden Ungetüm werden kann. Alles ist Ansichtssache. Aber gestern war sie ruhig die Töss, und sie zog wie immer dutzende Spaziergänger, Jogger und Hundehalter an, die ihren Liebling Gassi führten. Plötzlich höre ich eine helle Stimme, die offenbar mir gilt. Ich trete zum Geländer vor und sehe auf dem Spazierweg eine Frau mit Hündchen, die mit Bewunderung und ausgestrecktem Arm auf mein Newton Teleskop zeigt, das deutlich sichtbar an der Fensterfront platziert ist. Ja, ich gebe zu, es ist mehr zu einem schönen Vorzeigemöbel verkommen, und hat seinen eigentlichen Zweck schon lange nicht mehr erfüllt. Man muss wissen, dass ich seit meiner Kindheit ein Sternegucker bin. Die Ferne, ja, das Unerreichbare zogen mich schon immer magisch an.

Sternegucken – eine Kunst?

Die Unbekannte fragt mich, ob ich denn mit meinem Teleskop Sterne anschaue. Beschämt gebe ich zu, dass ich das nur noch selten tue. Enttäuscht fügt sie an, dass sie nämlich zu Hause auch ein Fernrohr habe. Allerdings funktioniere dieses nicht. Sie hätte damit noch nie einen Stern gesehen. Das müsse man wohl lernen, fragt sie noch nach.
Ich hatte sofort ein «deja vue». Einer gute Freundin, die ihren Kinder ebenfalls ein Fernrohr aus einem Kaufhaus schenkte, erging es gleich. Auch sie fand durch das Rohr schauend keine Sterne, und bei Erdbeobachtungen war es nutzlos, weil alles auf dem Kopf stand. Nur den Mond konnten alle erspähen. Hier spielt es ja keine Rolle, was oben oder unten ist. Ja, es ist eine gewisse Kunst, durch ein Teleskop ein Fixstern zu finden.

Die Enttäuschung

Tatsächlich ist es für einen Anfänger schwierig, einen sogenannten Fixstern anzupeilen und ihn dann noch großartig zu finden. Denn sie erscheinen wirklich nur als kleinste helle Nadelstiche. Im Gegensatz dazu präsentieren sich die Planeten, die mehr bieten, z. Bsp. der Saturn mit seinem Ring. Doch hierfür benötigt man schon eine hochwertige Optik, eine stabile Verankerung, einen klaren, schwarzen Nachthimmel und vor allem Geduld. Dazu muss man Fachkenntnisse haben, um die Planeten überhaupt orten zu können.

Viele meiner Bekannten, die zum ersten Mal durch mein Teleskop schauten sind enttäuscht. Die meisten erwarten brillantere Bilder, wie sie sie eben aus den Medien kennen. Zudem ist es für Neulinge schwierig, sich ständig neu hinter dem Okular zu positionieren, da sich das Teleskop wegen der Erdrotation ständig dreht. Man darf dabei nie verharren. Die Neugier muss schon sehr gross sein, um stundenlang frierend in der Nacht Sterne zu gucken.

Die Sonnenfinsternis und Fokus

Als begeisterter Hobby-Astronom war ich bei der Sonnenfinsternis 1999 natürlich dabei. Ich fuhr ins Elsass, um wirklich im Kernschatten des Mondes zu sein. Angekommen, baute ich rasch mein kleines Teleskop mit starkem Sonnenfilter und Fotoapparat am Boden auf. Ringsum mich herum standen ebenfalls Menschen, die mit geschwärzten Folien gegen Himmel starrten. Da, plötzlich schob sich der Mond langsam vor die Sonne. Ich sah auf dem Rücken liegend, wie die Sonne Feuer spie. Es war überwältigend. Um mich herum wurde es still. Mein Blick war gefangen, nur auf die Sonnenscheibe gerichtet. Nach einer Weile wurde mir gewahr, dass ich die «Nacht» und deren besondere Stimmung nur beiläufig wahrnahm, weil ich zu fokussiert war. Das ganzheitliche Erleben ging mir dabei verloren. Ich glaube, dass beide Einstellungen ihr Gutes ha

Der Expertenblick

Das Erleben und die Wahrnehmung von Experten ist stark von ihren Lern- und Praxiserfahrungen geprägt. Ein Musikexperte kann nur aufgrund eines Notenblattes Musik hören, im Gegensatz zu normalen Konsumenten. Je grösser die Praxiserfahrung und umfassender das Wissen zu einem bestimmten Gebiet ist, umso mehr kann also ein Mensch sich für etwas begeistern und so Glücksmomente bewusster hervorzaubern. Im Bestseller «Flow» von Csíkszentmihályi werden diese Zusammenhänge anhand konkreter Beispiele gut geschildert. Durch fleissiges Üben und Tun können wir zu Experten werden – und regelmässig Flow erleben.

Die kindliche Sicht

Die offene und naive Wahrnehmung, wie sie Kinder haben, und wie sie in «Der kleine Prinz» schön dargestellt wird, hat eine andere Qualität. Einem fokussierten Experten entgeht das Staunen zunehmend, weil er mehr in vorgeformten Mustern und Strukturen sieht. «Naive» tun das viel weniger und sind deshalb offener für Wunder. Meine Spaziergängerin in der Einleitung möchte ich dazu zählen. Ihr kindliches Staunen für den Sternenhimmel bewog sie, ein Fernrohr zu kaufen, um einfach den Sternen näher zu sein. Doch sie wurde enttäuscht, vermutlich, weil sie eine andere Erwartung hatte.

Trotzdem hat die unvoreingenommene Sicht grosse Vorteile. Sie ist die Quelle für das Träumen und das kreative Schaffen. Es ist jedem Menschen zu wünschen, dass er seine kindliche Sicht nie ganz verliert. Sie macht uns zu Menschen.