
ADHS – Coaching, Beratung oder Therapie?
Zu mir finden unterschiedlichste Menschen ins Coaching, weil sie entweder Probleme in ihrem Beruf, im Studium oder in sozialen Beziehungen haben. Doch, welche Hilfestellung ist für wen und für welche Störung passend? Wann genügt einfach nur eine einmalige Beratung, wann ein Coaching oder eine Therapie? Eine wichtige Rolle für die Wahl spielen immer die Kosten und der Leidensdruck.
Alex schaffte den Master nur mit Medikamten
Kürzlich fand ein 28-jähriger Mann, nennen wir ihn Alex, zu mir ins Coaching. Alex hat kürzlich den Master an der Uni abgeschlossen und auch schon eine Stelle gefunden. Er wirkt locker, intelligent und optimistisch. Seine ADHS-Diagnose bekam er vor drei Jahren, kurz nachdem er seinen Bachelor abgeschlossen hatte. Um optimal für das folgende, anspruchsvolle Masterstudium gewappnet zu sein, kam ihm und seinen engsten Freunden die Idee, endlich einen Arzt aufzusuchen, der ihn auf ADHS abklärt. Die Vermutung stimmte, bei Alex wurde ADHS diagnostiziert. Auf meine Frage, was ihn nun aber genau zu mir führe, schildert er ein typisches Problem von vielen ADHS-lern, nämlich, dass er Mühe hat, sich zu fokussieren.
Socalmedia und allgemeine Lebenszufriedenheit
Ein besonders Problem sei aber das Hängebleiben am Handy, und so käme es vor, dass er erst oft nach Mitternacht zum Schlafen komme. Er suche, nach Coping-Strategien und nach einem passenden Coaching, das sein Verhalten ändern könne. Im weiteren Gespräch fragte ich ihn dann auch noch nach seinem Gesamtbefinden auf einer 10er-Skala, um mögliche Co-Morbitäten (z.B. Depressionen) ausschliessen zu können. Er nannte, ohne zu zögern 7 – 10, und betonte, dass er eigentlich sehr gut durchs Leben komme. Es wäre für ihn immer ein wenig seltsam, wenn er zu seinem Psychiater gehe und dann inmitten von belastend aussehenden Patienten im Wartezimmer Platz nehmen müsse. Das obige Beispiel zeigt einerseits ein typisches «Problem» unserer Zeit, nämlich die enorme hypnotische Wirkung von socialmedia, aber vor allem auch der gestiegene Anspruch von jungen Menschen, sich noch weiter zu optimieren. Ist Alexs Verhalten nun aber krank oder einfach «normal»? Vor allem stellt sich hier die Frage nach der passenden Hilfeform. Ist hier eine ärztliche und medikamentöse Behandlung angebracht? Täte es hier nicht auch ein professionelles Coaching?
Wann passt eine Coaching, wann eine Therapie?
Wir alle, die hier diesen Blog lesen, kennen bei uns selbst störende Verhaltens- und Erlebensmuster, die wir gerne weghätten. Zum Problem werden sie dann, wenn es im Beruf oder in Beziehungen zu grossen Problemen kommt, die schliesslich in einem Burn-Out münden. Meistens ist dann die erste Anlaufstelle der Arzt, weil die Krankenkasse die Behandlung bezahlt. Dieser vermittelt Patienten oft zu Psychotherapeuten, jedoch nie zu Coaches oder Beratern, weil die nämlich vom Patienten selbst bezahlt werden müssen. Das Honorar kann dann schnell auch mal zwischen Fr. 500.– und Fr. 3’000.— betragen. Was würdest du wählen, wenn du eine Diagnose hättest? Vermutlich eine von Krankenkassen anerkannte Psychotherapie. Allerdings ist inzwischen die Nachfrage nach solchen Angeboten massiv angestiegen, weil auch anerkannte Psychotherapeuten über Krankenkassen abrechnen können, so dass inzwischen Wartefristen von 4 – 6 Monate normal sind. Rasche Hilfe ist also nicht möglich.
Unten findest du eine kurze Gegenüberstellung der verschiedenen Hilfsangebote, und wie sie sich unterscheiden.
Die Beratung
Beratung bezieht sich auf einen professionellen Prozess, bei dem eine Person oder eine Organisation Unterstützung bei der Lösung von Problemen, der Verbesserung von Fähigkeiten oder der Erreichung von Zielen erhält. Berater bieten ihre Expertise und Fachkenntnisse an, um den Klienten dabei zu helfen, Entscheidungen zu treffen und Lösungen zu finden. Der Fokus liegt oft auf konkreten Problemen und praktischen Lösungen. Viele öffentliche Beratungsstellen sind gratis. Die meisten dieser werden von Städten, Kantonen oder Vereinen (Suchtberatungsstellen, Berufsberatung, Blaues Kreuz, etc.) angeboten.
Das Coaching
Coaching konzentriert sich darauf, Menschen dabei zu unterstützen, ihr Potenzial zu entfalten und persönliche oder berufliche Ziele zu erreichen. Ein Coach arbeitet mit dem Klienten zusammen, um Hindernisse zu identifizieren, neue Perspektiven zu entwickeln und Maßnahmen zu ergreifen. Coaching ist immer zukunftsorientiert und zielt darauf ab, die individuellen Stärken und Ressourcen des Klienten zu nutzen. Viele Coaches haben eine Coaching-Ausbildung (die allerdings nicht über Krankenkassen abgerechnet werden können). Coaches haben sehr oft langjährige Erfahrungen in einer bestimmten beruflichen Position. Vor allem im Businessbereich gibt es viele ehemalige Führungskräfte, die dank ihrer Erfahrung Berufsleuten bestens zur Seite stehen können und oft realitätsnäher coachen, als dies Therapeuten können. Man fragt nicht nach der Kindheit und vergangenen traumatischen Ereignissen wie bei sehr vielen Therapieformen. Das Honorar muss der Coachee selbst bezahlen. Im Idealfall wird es von einem Versicherungsträger (IV, Sozialamt) oder einem Arbeitgeber übernommen.
Die Therapie
ist eine vertiefte Form von Behandlung von störendem Verhalten, Denken oder Emotionen. Die Therapien werden von Psychotherapeuten durchgeführt (meistens keine Ärzte), die eine längere Therapieschule besucht haben, oft über ein Psychologiestudium verfügen. Staatlich anerkannte Psychotherapeuten können ihre Dienste über die Krankenkassen abrechnen lassen. Ein seriöser Therapeut geht selbst regelmässig in Supervision. Der Fokus liegt auf der Heilung und Genesung des Klienten und beinhaltet oft eine längerfristige therapeutische Beziehung. Die Entscheidung, ob man eine Therapie oder ein Coaching in Anspruch nehmen sollte, hängt von der Art des Problems und den Zielen ab. Wenn jemand mit schweren emotionalen Problemen, psychischen Störungen oder traumatischen Erfahrungen kämpft, ist eine Therapie in der Regel angebracht. Therapiekosten werden heute in der Regel meistens von den Krankenkassen übernommen.
Die psychische Belastbarkeit hat abgenommen
Die psychische Belastungsfähigkeit von jungen Menschen hat in den letzten zwei Jahrzehnten massiv abgenommen. Was auch immer die Gründe hierfür sein mögen, sie benötigen Hilfe. Die Frage ist, welche Form und zu welchem Preis. Muss es immer eine ärztlich verordnete Psychotherapie sein? Obwohl es Gemeinsamkeiten zwischen Beratung, Coaching und Therapie gibt, gibt es eben auch klare Unterschiede in Bezug auf Zielsetzung, Methoden und Ausbildung. Doch wo und wann soll der Staat welche Hilfestellungen finanzieren? Das «Fitnessabo» wird teilweise von den Zusatzversicherungen finanziert, jedoch nicht der Mitgliederbeitrag für den Turnverein, der ohne Zweifel der Gesundheit ebenfalls guttut. Was ist also fair? Soll der Staat auf Kosten der Allgemeinheit unser Wohlgefühl helfen zu optimieren – und bis zu welchen Grad? Zumal meistens die finanziell besser aufgestellte obere Mittelschicht solche Angebote für sich einfordert.