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ADHS-Jugendliche in der Lehre

ADHS-Jugendliche in der Lehre

«Warum hörst du mir nicht zu, ich habe es dir doch schon tausendmal erklärt!»

Schwache Schulleistungen

Erst kürzlich bekam ich ein Telefonat von einem verzweifelten Lehrmeister. Er suchte dringend nach einer Fachperson, die sich mit ADHS auskennt. Er war bei mir genau richtig. Ich hörte gut zu, und er erklärte mir die vielseitigen Schwierigkeiten, die er mit einem seiner Lernenden hat. Er sei ein intelligenter Junge, betont er, bei dem es jedoch in der Berufsschule hapere. Seine Schulleistungen seien knapp genügend, und damit sei die Fortsetzung des Lehrverhältnisses in Frage gestellt.

ADHS-Lernende sind unangepasst

Ich lud den Jugendlichen rasch zu einer ersten Coaching-Sitzung ein und liess mir seine Sicht schildern. Es offenbarte sich, dass er schon als Primarschüler die Diagnose ADHS gestellt bekam. Das hat er seinem Lehrmeister verschwiegen, was sehr typisch ist. Denn so sicher war man sich nicht wegen widersprüchlicher ärztlicher Diagnosen. Für den Jugendlichen war der Besuch in meiner Praxis also nichts Neues, und ein weiteres Mal in seinem jungen Leben wurde er mit seiner Unangepasstheit konfrontiert, ein weiteres Frustrationserlebnis. Und für mich war es ein Jugendlicher mehr, der unter den typischen Vorurteilen zu leiten hat..

Ein Gespräch im Lehrberiebe und mit Eltern hilft klären

In weiteren Schritten organisierte ich ein Gespräche mit allen Lehrlingsverantwortlichen im Lehrbetrieb und dann natürlich mit seinen Eltern. Ich klärte auf, wie ADHS-Betroffene ticken, eben anders als «Normale». Die Eltern versuchen ihn jeden Tag zur Ordnung und Disziplon zu erziehen. Ich wies sie geduldig darauf hin, dass mündliche Erklärungen oft nicht ankommen und gleich wieder vergessen gehen. Der Vorwurf, den AD(H)S-Betroffene fast jeden Tag zu hören bekommen, ist: «Warum hörst du mir nicht zu, ich habe es dir doch schon tausendmal erklärt!». Wichtig ist für sie vor allem Lob, wenn etwas gelingt! Hundertmaliges Zurechtweisen bewirkt das pure Gegenteil. Ihr Selbstvertrauen schrumpft und schrumpft. ADHS-ler sehen Dinge immer von verschiedenen Seiten, weil ihre Wahrnehmung viel breiter und ihre Fantasie grenzenlos ist. Das wird im günstigen Fall später zu einer grossen Ressource.

Information und Aufklärung sind wichtig

Wenn Angehörige, Lehrpersonen oder Arbeitgeber nicht wissen, wie ADHS-ler „funktionieren“, sind Konflikte vorprogrammiert. Ich möchte eindringlich darauf hinweisen, dass praktisch alle ADHS-ler immer ihr Bestes versuchen zu geben, und dass es nie böser Wille ist, wenn sie etwas vergessen oder im Moment nicht aufnehmen können. Das Schlimme ist dann oft die Ungeduld und die damit zusammenhängende Wut ihrer Angehörigen oder Lehrpersonen. Diese Wut kommt dann meist in gleicher oder noch heftiger Weise zurück. ADHS-ler können sich nicht verstellen und zeigen ihre Gefühle ungefiltert und sofort. In typischen Schulsituationen eskaliert solches Verhalten relativ rasch, weil der Leistungsdruck hier grösser ist und störendes Verhalten nicht geduldet werden kann. Deshalb müssen Lehrpersonen, Lehrmeister und natürlich auch die Eltern gut informiert sein.

Fachpersonen und Coaches helfen

Es empfiehlt sich also unbedingt, Fachpersonen zuzuziehen, die um diese Komplexität wissen. Manchmal helfen neben einem Coaching auch Medikamente, die von Fachärzten verschrieben werden. So kann sehr viel Leid vermieden werden und vor allem das Potenzial von ADHS-lern entfaltet werden. ADHS-ler brauchen vor allem Geduld und klare Strukturen.