
Gymiprüfung – die Angst vor dem Scheitern
Bald steht sie wieder vor der Tür, die Gymiprüfung. Ehrgeizige Eltern fiebern mit ihren Kindern darauf hin und hoffen, dass sie zu den Auserwählten gehören. Die meisten Schülerinnen und Schüler besuchen deshalb teure Vorbereitungskurse, weil die Volksschule das nicht leisten kann. Die durchschnittliche Bestehensquote liegt im Kanton Zürich beständig tief (ca. 25%), was so gewollt ist. Es fällt auf, dass Mädchen (30%) hierbei viel erfolgreicher als Jungs (20%) sind.
In Genf erreicht jeder dritte Schüler die Gymi-Matura
Auffällig ist, dass es in Genf genau doppelt so viele Frauen (60%) wie Männer gibt, die das Gymnasium besuchen. Die Gründe hierfür sind wohl nicht in ihrer Intelligenz zu suchen, sondern in einer andern Wertekultur der «Romands», wo man ohne Prüfung direkt ins Gymi eintreten kann. Schliesslich (bis zum Alter 25) schaffen die Matura im Kanton Zürich 22%, in Genf 34%.
Aus volkwirtschaftlicher Sicht ist eher die Berufslehre ein Gewinn, weil die Industrie und das Gewerbe so zu mehr Arbeitskräften kommen. Der Verweis, dass man danach noch die Berufsmatura anhängen kann, ist sehr wichtig. 20% nutzen nämlich diese Option. Damit erreichen wir eine Hochschulreife von insgesamt 42% – eine Quote, die auch im internationalen Vergleich sehr gut ist. Trotzdem: Zürich, respektive die Deutschschweizer Kantone fallen im internationalen Vergleich durch ihre harte Selektion auf mit ihrer besonderen Fokussierung auf die berufliche Bildung.
Für zuziehende Ausländer ist das sehr schwer zu verstehen.
Zürich – ein hartes Pflaster für Träumer
Als langjähriger Berufs- und Laufbahnberater auf einer öffentlichen Stelle begegnete ich immer wieder Eltern, vor allem ausländischen, die sich über unser Schulsystem mokieren. Sie können einfach nicht verstehen, wie junge Menschen schon so früh selektioniert werden müssen. Denn für die meisten dieser Eltern ist eine Berufslehre keine Option.
Doch ich muss gestehen: Auch ich habe meine grossen Zweifel, ob diese frühe und harte Selektion für junge Menschen gut ist. In meinen 30 Jahren als Berufsberater erlebte immer wieder, wie das Selbstwertgefühl von Jugendlichen dauerhaft geknickt wurde, wenn sie die Prüfung nicht bestehen, noch schlimmer, wenn sie nach ein paar Jahren das Gymi verlassen müssen. Genf macht es gar nicht so schlecht. Die Studien von Margrit Stamm belegen denn auch klar, dass in Zürich eben nicht die besten respektive die intelligentesten Schüler:innen das Gymi besuchen, sondern diejenigen aus der Bildungsschicht. Stimmt das System immer noch. Wollen wir das? Ist das noch zeitgemäss?