
Strukturen und Rituale spielen eine wichtige Rolle im Leben eines jeden Menschen, unabhängig von ihrem Gesundheitszustand. Aber für Menschen mit ADHS spielen sie eine noch größere Rollen, sowohl während ihrer Berufstätigkeit als auch nach ihrer Pensionierung.
Vom Lohnempfänger zum Rentenbezüger – ein schwieriger Übergang?
Nach über 40-jähriger geregelter Berufstätigkeit ist der Übertritt in die Rente für meisten Berufstätigen schwer, vor allem für AD(H)S-ler. Man hatte früher klare Arbeitsaufträge, war als kompetenter Fachmann oder -frau gefragt, traf sich bei Meetings, aber auch in regelmässigen Pausen, mit meist angenehmen Kolleginnen und Kollegen. All diese Treffen und Rituale schenken nicht nur Halt und Bestätigung, sondern auch viele Glücksmomente. Klar, es gibt natürlich auch Unternehmen mit schlechtem Arbeitsklima, mit doofen Kolleginnen und Chefs, die einem das Leben schwer machen. Sich von solchen Unternehmen verabschieden zu können, fällt leichter.
Die plötzliche, unheimliche Freiheit
Sobald mal man in Pension ist, hat man auf einen Schlag keine Pflichten mehr und kann einfach ausschlafen. Man muss nicht mehr auf den Bus rennen, einstempeln und gegenüber Kollegen und Chefs Rechenschaft ablegen. Jetzt endlich ist man frei und könnte sich eigentlich zurücklehnen und das «dolce fare niente» geniessen – so zumindest hängt diese verklärt-romantische Story in unsern Köpfen. Der Traum an der Südsee auf einer Hängematte Beine und Seele baumeln zu lassen und dabei glücklich zu werden, gelingt tatsächlich nur den wenigsten Menschen, noch weniger den ADHS-Betroffenen. Einige mutige Rentner oder Rentnerinnen wandern tatsächlich aus, in der Hoffnung, in südlichen Länder mit mehr Sonne und tieferen Lebenshaltungskosten glücklicher zu werden. Doch die Erfahrung und Fernsehformate wie «Auf und davon…» zeigen, dass das nicht so einfach gelingt. Denn beim Auswandern nimmt man eben immer auch seine Persönlichkeit mit. Für jemanden, der in unseren Breiten ein erfolgreiches und glückliches Leben führte, wird das mit grosser Wahrscheinlichkeit auch anderswo möglich sein. Und so gilt eben auch, dass jemand, der in unserem Land nicht zurechtkommt, in einem fremden Land noch grössere Schwierigkeiten bekommt. Tatsächlich gibt es genetische Prädispositionen, die das Glücklichsein erleichtern können. Die positive Nachricht ist aber, dass man Glücklichsein erlernen kann, allerdings nicht in einem Abendkurs bei der Migros-Klubschule, aber mit gezielten Training wie zum Beispiel Yoga. Man muss es über Jahre hinweg üben.
Vereine bieten Struktur – und die Schwierigkeiten von ADHS-lern sich einzufügen
Hat man sich also nicht auf die Pensionierung vorbereitet, wird der Übertritt in den nächsten Lebensabschnitt schwierig. Das ist so weit so gut bekannt. Und man weiss auch, dass diejenigen, die schon jahrelang neben der Berufsarbeit fest in Vereinen verwurzelt sind, es einfacher haben, ihr Leben weiterhin sinnvoll zu erleben. Es gab für diese Menschen neben der Berufstätigkeit immer auch noch den Verein (oder mehrere). In dieser «Community» fanden und finden Menschen weiterhin Freude und Halt. Doch genau hier sind die ADHS-ler wieder in der Minderzahl, weil sie sich schwerer tun, sich einzufügen. Obwohl sie eigentlich Ordnung und Gesellschaft schätzen, sind sie selbst nicht so gut in der Lage, diese einzuhalten. Leider oft auch deshalb, weil sei eine schlechte Impulskontrolle haben. Das macht sie in einem Verein unbeliebt. Genau deshalb dürften ADHS-ler weniger treue Vereinsmitglieder sein.
Von der Grossfamilie zur Vereinzelung
In den früheren Grossfamilien war Einiges einfacher, weil viele wichtige Aufgaben zu vergeben waren, sei es die Enkelbetreuung, den Einkauf für die Familie oder die Mithilfe und nicht zuletzt auf dem Hof oder im «Unternehmen». Dazu zählten bis ins frühe 20. Jh. typischerweise tausende kleine Landwirtschafts- und Handwerksbetriebe, die einen direkten Lebensbezug und Sinnerfüllung boten. Der Lebensmittelpunkt war der «eigene Haushalt und seine Sippe». Die industrielle Revolution führte uns davon weg. Traditionelle Familienstrukturen wurden zerrissen und Machtverhältnisse verschoben. Nicht mehr der Hauspatron war der Chef, sondern Industrie-Direktoren, die keinen Bezug zur Familie mehr hatten. Heute sind es weltweit agierende Grosskonzerne, die vom Share-Holder Value geleitet sind und uns den «Takt» vorgeben. Staaten rückten in den Hintergrunde. Das Individuum ist sich zunehmend selbst überlassen. Die Gesellschaft wurde zwar mit der Einführung des Arbeitslohns insgesamt liberaler, doch es gibt eben auch grosse Schattenseiten. Die Menschen mussten lernen, sich selbst mehr zu organisieren. Die Kleinfamilie setzte sich durch, und so leben man wir im Alter meistens in einer Zweierkiste oder allein. Es ist davon auszugehen, dass ADHS-Betroffene dies in weit höherem Masse gezwungen sind, weil sie als Lebenspartner oder -partnerin oft schwieriger zu ertragen sind. Zudem steigt im höheren Alter die Vergesslichkeit, was das Leben für die sowieso schon vergesslicheren ADHS-ler noch einmal um einen Zacken schwieriger macht. Was ist also zu tun? Auf was muss man achten bei der Vorbereitung und Beginn der Rentenphase?
Gestaltungsüberlegungen zum bevorstehenden Rentenalter
Dieser Blog reicht natürlich nicht aus, um für alle hier lesenden Menschen umfassende Empfehlungen für ein gelingendes Leben im Rentenalter zu geben. Jeder Mensch, und vor allem die ADHS-Betroffenen, benötigen individuelle Abklärungen, Gespräche und Coachings. Vor allem für sie sind Strukturen und Rituale besonders wichtig.
Eine gute Vorbereitung auf die Pension, und das spätestens ab dem 50. Altersjahr hilft für einen gelingenden Übergang. Am besten erstellt man einem Plan, und hält fest, was man im Alter möchte, im Wissen darum, dass dieser nicht stringent eingehalten werden muss. Und wenn ein Partner oder Partnerin an der Seite steht, ist es natürlich ratsam mit ihm das gemeinsam zu tun.
Hier sind die wichtigsten Punkt aufgelistet.
- Werte überprüfen (Familie, Reisen, Bildung, etc.)
- Finanzielle Situation frühzeitig prüfen (Renteneinkommen, Steuern, Erbe, etc.):
- Zeitstruktur-Plan erstellen (elektronische Kalender)
- Abstimmung mit dem Partner/Partnerin (was willst du gemeinsam machen)
- Störungen vermeiden und sich auf das Wesentliche konzentrieren
- Fitness und Gesundheit (regelmässige Bewegung und angepasste Ernährung)
- Freiwilligenarbeit (Gemeinden und Quartiere sind froh um Mitarbeit)
- Regelmässige soziale Kontakte pflegen (Eintritt in einen Verein?)
- Intellektuelle Herausforderung angehen (Kurse, Weiterbildung, Studium?)
- Ruhepausen gönnen (wie kann ich mich entspannen?)
Für ausführlichere Empfehlungen zu den oben aufgelisteten Punkte schaue meinen separaten Post an. Natürlich stehe ich dir gerne auch als psychologischer Fachmann bei der Pensions-Vorbereitung zur Seite.
Ruf einfach an: 052 301 03 17